KAPITEL 9 – Digitalisierung – Finanzwelt

Autor: Alex Disler

Bezahlsysteme

Nachdem Ben das neue Hightech-Mountainbike bestellt hatte, musste er umgehend eine Anzahlung leisten. Im Jahr 2030 ist Geld nach wie vor wichtig, vielleicht sogar noch wichtiger als früher, als noch die alten Währungssysteme vorhanden waren. Und es gilt: „Nur Bares ist Wahres“, lediglich mit dem kleinen Unterschied, dass man keine Noten und Münzen mehr kennt. Im 2013 werden alle Transaktionen mittels einer neuen digitalen Währung Namens globomoney abgewickelt. Vor 20 Jahren hätte niemand erwartet, dass die bestehenden Geldwährungssysteme so rasch und gründlich von der Bildoberfläche verscheiden würden. Nun, am Schluss ging alles ganz schnell, wie auch Ben für sich resümiert.

Vor 20 Jahren konkurrierten sich die verschiedenen Systeme noch gegenseitig, Fiat-Währungen in Form von Noten und Münzen, herausgegeben von Nationalbanken in CHF, €, USD, und vielen mehr. Aber auch erste Ansätze von elektronischem Geld, wie beispielsweise Bitcoin, gehörten in diese Ära. Alle sind verschwunden, tatsächlich beinahe weltweit.

Die Fiat-Währungen sind über ihr ureigenes Prinzip gestolpert, denn die verschiedenen Währungsräume hatten nach der Finanzkrise 2008 unglaubliche Mengen an neuem Geld geschaffen. Mit diesem Geld wurden die alten Schulden beglichen, aber auch neue Schulden aufgebaut, um die Konjunktur zu stützen, um insolvente Firmen am Leben zu erhalten und um systemrelevante Banken zu sichern. Der Schuldenberg überall auf der Welt wuchs auf unglaubliche Grössen an. Nach der x-ten Krise im Finanzsystem hatten die Menschen das Vertrauen in ihre Geldsysteme verloren, alles begann mit einer Verkettung von verschiedenen grösseren Ereignissen. Am Ende gab es in allen wichtigen Währungsräumen eine hohe Inflation, die in einzelnen Ländern zu einem Staatsbankrott und weltweit zu einer Währungsreform führte.

Noch vor 15 Jahre dachte man, mit neuen Tools und dem Erfahrungswissen könne man dies verhindern. Durch die Globalisierung, dem weltweiten Aktien-Handel und die automatisierten Handelssysteme betraf dies die ganze Welt. Über Nacht entstand ein neues Währungssystem, das jedoch im Gegensatz zu den alten Fiat-Systemen mit realen Gegenwerten hinterlegt wurde. Banken, Versicherungen, Geldhändler, u.a. standen von einem Tag auf den anderen ohne Berechtigung da, da sie alle von diesem alten System profitiert hatten. Das neue System globomoney benötigt keine Banken als Intermediäre mehr, da keine Zwischenlagerung oder Speicherung von Geldeinheiten in dieser Form benötigt wird. An die Stelle der Geschäftsbanken sind die Nationalbanken und das Internet getreten, welche entsprechende, beschränkte Geldeinheiten nach einer weltweiten akzeptierten Form/Formel schaffen und an die entsprechenden Volkswirtschaften ausliefern.

Für die Konsumenten hat sich nicht vieles verändert, ausser, dass für Geldtransaktionen keine Geschäftsbanken mehr benötigt werden, Kredite über das Internet mit den Nationalbanken abgewickelt werden und eben die besagte Währungsreform vonstatten gegangen ist. Ben’s Eltern hatten dies mit voller Wucht zu spüren bekommen – die Währungsreform war für viele ein harter Einschnitt, wurden doch die alten Fiat-Währungen massiv abgewertet, umgetauscht, bzw. mit einem Verhältnis von 1:11 in die neue Währung globomoney umgewandelt.

Seit nun 5 Jahren hat sich alles wieder normalisiert – „der Mensch vergisst schon schnell“, dachte sich Ben. Eigentlich schade, denn die gleichen Erfahrungen hatten ja die Urgrosseltern in den beiden grossen Weltkriegen leider auch erfahren müssen.

Heutige Finanzindustrie

Die Finanzbranche in der Schweiz fand über ein Jahr lang (2016) keine einheitliche Lösung für das Mobile Payment (kontaktloses Zahlen). Die Apps Twint und Paymit erhielten dauernd neue Funktionen, aber es gab auch neue Firmen, die bei einem der Zahlungssysteme mitmachten. Zwar wurde nun die Fusion von Paymit und Twint auf Herbst 2016 beschlossen, zukünftig wird somit mit der Marke Twint auf dem Markt aufgetreten. Die Hauptschwierigkeit ist aber, dass laufend neue Anbieter in den Markt eintreten.

Seit Juni 2016 ist die Swatch Bellamy der Swatch Group auf dem Markt erhältlich, die eine direkte Konkurrenz zu den beiden Apps darstellt. Mit Mondaine (einem weiteren Uhrenproduzenten) wird im Herbst der nächste Anbieter in den Markt drängen. Leider ist somit kein Standard in Sicht, da alle Anbieter auf unterschiedliche Technologien und Bankpartner setzen, die in den Läden zu unterschiedlichen Bezahlstationen führen. Der Trend ist eigentlich klar: Immer mehr Nutzer verwenden ihr Smartphone, um Einkäufe zu bezahlen. Die Nutzerdaten sehen wie folgt aus (Erhebung bei 750 Smartphone-Nutzern im Mai 2016 in Deutschland), wobei erhoben wurde, ob der Nutzer sein Smartphone schon – einmal oder mehrmals – für Einkäufe genutzt hat:

  • 20% bei den 14 bis 29-jährigen Nutzern
  • 17% bei den 30- bis 49-jährigen Nutzern
  • 14% bei den 50- bis 64-jährigen Nutzern
  • 15% bei den über 65-jährigen Nutzern

Apple Pay wird im Herbst 2016 in den Schweizer Markt eintreten. Dies bedeutet aber auch, dass das US-amerikanische Unternehmen als branchenfremdes Technologieunternehmen in die Finanzbranche der Schweiz eintritt. Für Apple ist der Schweizer Markt sehr interessant, da in der Schweiz überdurchschnittlich viele Nutzer mit einem Apple-Smartphone unterwegs sind.

Im klassischen Zahlungsverkehr sind die Gebühren relativ gering, d.h. also, bei den Transaktionen zwischen Personen oder am POS. Dafür sind die Gebühren im internationalen Zahlungsverkehr sehr hoch, besonders dann, wenn am Zielort weder Western Union noch MoneyGram vorhanden ist. Aber die Menschen besitzen in der Zwischenzeit weltweit überall Mobiltelefone. Es ist eher unwahrscheinlich, dass Twint auf diesen Geräten installiert ist, auch Apple Pay wird wegen des eigenen Betriebssystems iOS nicht sehr verbreitet sein.

Dies könnte die Stunde von providerunabhängigen Messaging Anbietern sein, wie WhatsApp, Facebook Messenger, Skype, KakaoTalk (Südkorea), Line (Japan) oder WeChat (China). Mit diesen Apps lassen sich mit geringem Programmieraufwand kostengünstige Geldtransfers realisieren. Damit würden diese Transaktionen an den Banken vorbei abgewickelt – das globale Volumen für Mobile Payment belief sich 2014 bereits auf 40.1 Mia U$ und soll sich laut IDC Germany & Switzerland auf 50.8 Mia U$ im 2019 entwickeln. Die schweizerischen Banken fokussieren nur auf das eigene Land. Internet und Apps bedeuten auch eine globale Reichweite und sind ein zentraler Punkt für disruptive Geschäftsmodelle.

Mit der digitalen Technologie gibt es noch eine grössere zusätzliche Gefahr, die den Finanzsektor und staatliche Institutionen überflüssig machen könnte. Blockchain hat diese Sprengkraft. Blockchain stellt mit seinem System sicher, dass eine lückenlose und nicht veränderbare Historie Beweiskraft erlangt, um Eigentumsverhältnisse zu bestätigen, und dies völlig anonym. Blockchain ist wie folgt aufgebaut:

  1. Komponente = die Vergangenheit (dem vorangegangenen «Block» des Blockchain)
  2.  Komponente = der aktuelle Zeitstempel (= timestamp)
  3. Komponente = noch nicht bestätigte Transaktion, heruntergebrochen auf einen kryptografischen Code (= root hash)
  4. Komponente = Einmal-Nummer (= number used once)

Der Blockchain wird erst als „richtig“ akzeptiert, wenn er am neusten Block andocken kann. Deshalb spricht man auch von einer Block-Kette. Um mit Blockchain Transaktionen auszulösen, also eine Inhaltsveränderung herbeizuführen, benötigt es ein Sicherheitsschloss in Form eines Public keys (als Adresse) und einen Schlüssel als Private key in Form einer Geheimzahl. Das Blockchain-System verwendet dabei zusätzlich eine Verschlüsselungstechnik (Hash function). Sollte ein Hacker an einem Blockchain Veränderungen vornehmen, ist dies unmittelbar für jedermann weltweit ersichtlich. Das Blockchain-System ist den heutigen konventionellen Systemen überlegen.

Heute übernehmen dies Banken, Versicherungen und staatliche Institutionen, welche für diese Tätigkeit Gebühren (Transaktionskosten) verlangen. Dabei kann es sich um direkte Gebühren handeln (Depot, Wechselkursgebühren, Zinsspread, etc.), wie aber auch um indirekte Gebühren (Geldentwertung, negativer Zinssatz, etc.). Konventionelle Geschäftsmodelle sind kostspielig und letztendlich teils auch unsicher. Blockchain könnte deshalb die ideale Lösung sein, da dieses System die notwendige (nicht beeinflussbare) Beweiskraft hat.

Damit Blockchain-Eigentumsrechte definiert werden, lässt sich dieses System auch für weitere Branchen anwenden. So liesse sich das Leserecht eines Zeitungsartikels einer Person zuordnen, aber auch ein Liebesbrief, ein Geheimdokument, ein Bild, ein Guthaben oder schlimmstenfalls eine Anleitung, wie man eine Bombe baut.

Bitcoin ist auf dieser Technologie aufgebaut und könnte die zukünftige Transaktionswährung sein. Für den Finanzsektor hätte dies weitreichende Folgen, da mit Blockchain alle bisherigen Institutionen überflüssig werden. Damit das Blockchain-System tatsächlich weltweit Erfolg haben kann, müssen jedoch neue Internet-Standards definiert werden. Auch die heutige Anonymität ist möglicherweise ein Killerkriterium, da die vor allem staatlichen Institutionen auf ihr heutiges Kontrollrecht bestehen werden, um die Sicherheit der Staaten zu gewähren, oder aber auch, um Steuern eintreiben zu können.

Staatliche Gebühren / Steuern

Die heutigen Modelle zur Erhebung von Steuern, Abgaben und Versicherungsprämien orientieren sich stark an den bisherigen Arbeitsmodellen und Strukturen. Sollte es deutlich mehr selbständig erwerbende Personen geben, welche Teilzeit-, Projekt- und/oder situativ tätig sind, wird die Abrechnung von Einkommensteuern, Versicherungsbeiträgen (AHV, IV, SUVA oder andere Abgaben) zur herausfordernden Aufgabe, bzw. wird gar unmöglich, da immer weniger Menschen einen regulären Arbeitsvertrag haben. Somit muss über neue Steuerarten und Erhebungsarten diskutiert werden.

Die EU hat damit bereits begonnen: Eine Fachgruppe schlägt unter anderem die Besteuerung von Robotern oder künstlicher Intelligenz vor. Und zwar sollen die Steuern immer nur von den am weitesten entwickelten und autonomen Robotern eingezogen werden. Die jetzigen Ansätze sind vor allem getragen durch die Angst, dass Roboter den Menschen im Arbeitsmarkt die Tätigkeit streitig machen. Ob das Gesetz jemals umgesetzt wird, ist schwierig zu sagen. Unternehmen sind jedoch einem grossen Kostendruck ausgesetzt, und in diesem Umfeld werden Unternehmen zukünftig so weit wie möglich auf automatisiere und elektronische Hilfsmittel setzen, um so die Transaktionskosten so weit wie möglich zu reduzieren.

Finanzindustrie: Crowdfunding

Eine weitere Entwicklung, die grösseren Einfluss auf die Finanzindustrie haben wird, ist unter anderem der Markt der Schwarmfinanzierung (= Crowdfunding). Heute ist dieser noch auf einem tiefen Niveau, er wächst aber sehr stark. 2015 wuchs diese Art der Geldbeschaffung über das Internet in der Schweiz um 73 % auf CHF 27.3 Mio. 2014 lag das getätigte Crowdfunding noch bei CHF 15.8 Mio. 2015 gab es im Markt Schweiz bereits 31 Crowdfunding-Plattformen, dabei haben über 90‘000 Personen solche Crowdfunding-Kampagnen finanziell unterstützt.

Heutige Online-Banking-Nutzung

Online-Banking boomt, vor allem auch, weil in- und ausländische Finanzinstitute die Kontoführungsgebühren laufend erhöhen. Selbst für die Nutzung der ATM (EC-Bankomaten) oder Selbstbedienungsterminals in den Bankfilialen werden Gebühren erhoben. Davon noch ausgeschlossen ist das Online-Banking. Bei der heutigen Entwicklung fragt man sich aber, wie lang dies noch der Fall sein wird.

Das Online-Banking ist meisten rasch eingerichtet und je nach verwendetem TAN-Verfahren (Trans-Aktions-Nummer) relativ sicher, dennoch versuchen immer wieder Cyberkriminelle, mittels Trojanern und gefälschten Webseiten auf Beutezug zu gehen.

Vergleicht man die Online-Banking Nutzung pro Land, fallen doch grosse Unterschiede zwischen den einzelnen Ländern auf, so herrscht in Europa ein stark ausgeprägtes Nord-Süd-Gefälle. Der Norden, der in den digitalisierten Leistungen generell sehr weit fortgeschritten ist, führt auch hier das Ranking an. In Norwegen werden bereits 90% der Bankgeschäfte über das Internet erledigt. Die Schweiz und Deutschland liegen in der Mitte.

Es ist davon auszugehen, dass die Online-Banking-Nutzer in den nächsten Jahren in Zentral-Europa stark ansteigen werden, insbesondere und vor allem auch wegen der steigenden Gebühren.

Dabei ist die Sicherheit ein zentrales Thema, das bis anhin viele Konsumenten und Nutzer davon abgehalten hat, über das Internet Bankgeschäfte zu tätigen. Mit dem Gebührendruck und den absoluten Tiefstzinsen auf Spareinlagen wird die Nutzung jedoch weiter zunehmen.

Die wichtigsten TAN-Verfahren kurz erklärt: Sicherheit
iTAN: Die Bank fordert eine TAN von einer Papierliste, die man zuvor von der Bank erhalten hat. Dieses unsichere Verfahren haben viele Banken abgeschafft. *
mTAN: Die Bank versendet die Freigabe-Nummer (TAN) per SMS auf das Handy des Bankkunden. *1
pushTAN: Die Bank versendet verschlüsselt eine Freigabe-Nummer (TAN) auf das Smartphone. ***3
GeräteTAN: Hierbei ist ein einziges Smartphone fest mit dem Bank-Account verknüpft. Nur über dieses Smartphone kann der Kunde seine Bankschäfte erledigen. ****4
Sm@rtTAN: Durch das Einstecken einer Bankkarte in ein zusätzliches Gerät generiert der Kartenleser eine gültige TAN. Eine zusätzliche Abfrage der Daten entfällt dadurch. *****5
ChipTAN: Wie bei der Sm@rtTAN steckt der Kunde seine Bankkarte in einen Kartenleser. Hier erfolgt allerdings eine Übermittlung zusätzlicher Daten der Bank, etwa per Flickercode. Erst dann wird eine TAN generiert und damit ist eine Man-in-the-middle-Attacke ausgeschlossen. *****5

Legende:       *1      = unsicheres Verfahren
*****5 = sehr sicheres Verfahren

Bankfilialen werden aussterben

Viele Finanzunternehmen testen zurzeit unterschiedliche Ansätze und Innovationen aus, besonders in den Filialen. Denn die Filialen sind das klassische Aushängeschild des Finanzinstituts gegenüber den Kunden und prägen so auch das Erscheinungsbild in der Öffentlichkeit. Die meisten Finanzinstitute bauen massiv Arbeitsstellen ab, es gibt aber auch Banken, die expandieren und ihr Filialnetz ausbauen. Aber beinahe alle Banken investieren viel Geld in die Modernisierung ihrer Zweigstellen.

Die neuen Designkonzepte erinnern eher an eine Starbucks Filiale oder die Kommandozentrale eines Raumschiffs. Es ist der Versuch, das Erscheinungsbild der Bank an die technologische Entwicklung anzupassen. Wenn man aber FinTech-Experten zuhört, erscheint diese Mühe vergebens, denn diese gehen davon aus, dass die klassischen Bankfilialen in den nächsten 10 Jahren verschwinden werden.

Die Experten rechnen damit, dass die Veränderungen durch die Digitalisierung vor allem im FinTech Bereich am grössten sein werden. Spürbar ist dies auch anhand der Anzahl neu gegründeter Unternehmen im FinTech (u.a. mobile Banking Apps), anhand von Startups ausserhalb der heutigen Bankenlandschaft wie auch anhand des Drucks, der auf den klassischen Bezahlmethoden liegt. Ein weiterer Punkt ist, dass Venture Capital-Unternehmen heute mehr Geld in FinTech Startups investieren, als die gesamte Bankbranche für ihre Transformationsprojekte aufwendet.

Heute gibt es in den einzelnen Ländern noch viele regulatorische Hürden, aber der Markt unterliegt grossen und raschen Änderungen. In Deutschland hat N26 (vormals Number26) im Jahr 2016 eine Banklizenz erhalten und wird in Zukunft weitere Produkte und Angebote aus Eigenproduktion und von Partnern, wie z.B. Vaamo oder Transferwise, anbieten. Die klassischen Banken reagieren auf die veränderten Kundengewohnheiten und bieten ebenso Bankgeschäfte über Smartphones an (wie z.B. die Kantonalbanken oder die UBS). In Deutschland ist die SEB Bank bei Tink eingestiegen, um auf Basis der Tink Plattform eine virtuelle Bank aufzubauen.

Bis ins Jahr 2020 werden rund 2/3 der Weltbevölkerung online sein und somit auch neue potentielle Kunden für mögliche Finanztransaktionen darstellen. Bis zum Jahr 2025 werden die überlebenden Banken eher Technologiefirmen sein, welche die entsprechenden Tools und Möglichkeiten (weltweit) anbieten können.

Dennoch investieren die klassischen Bankunternehmen nach wie vor viel Geld in das Redesign und den Ausbau ihres Filialnetzes. Dabei geht völlig vergessen, dass der Kunde möglicherweise die Filiale gar nicht mehr benutzen will, weil sich schlicht und einfach sein Banking-Kundenbedürfnis verändert hat. Im 2020 werden mehr als 50% der User ihre täglichen Bankgeschäfte mittels App erledigen. Mit Hilfe der Technologie, wie künstliche Intelligenz, Roboter und Blockchain, werden es die User immer einfacher haben, die klassischen Banken für Ihre Geschäfte zu umgehen.

Künstliche Intelligenz in der Finanzindustrie

Die künstliche Intelligenz und deren Anwendungen in der Finanzbranche stecken zwar noch in den Kinderschuhen, doch es liegt enormes Potenzial darin. Das Problem an der Intelligenz ist, dass es keinen wirklichen Konsens gibt, was diese genau ausmacht. Jeder Mensch interpretiert dies wieder etwas anders – als Beispiel beim Lesen dieses Abschnitts: So hat man eigene gedankliche Vorstellungen davon, was man als Intelligenz bezeichnet. Der gesamte Vorgang beginnt damit, dass die Augen die empfangenen Signale an das Gehirn weiterleiten, wobei die Signale zuerst an die Sehrinde gesandt werden. Im Gehirn werden diese Signale nun als Buchstaben identifiziert. Die verschiedenen Buchstaben und Buchstabenfolgen werden nun wiederum an andere Bereiche des Gehirns übermittelt.

In diesen Hirnbereichen werden danach die einzelnen Wörter miteinander kombiniert und deren Bedeutung interpretiert. Das Hirn prüft gleichzeitig, ob zu den einzelnen Wörtern emotionale Assoziationen und Gefühle vorhanden sind. Der Neo-Kortex fügt je nach Wort und Wortkombination weitere Informationen hinzu oder generiert Fragen. Dies alles erfolgt innerhalb weniger Millisekunden. Das menschliche Hirn lernt laufend hinzu, d.h., auf Grund gemachter Erfahrungen werden Definitionen mit der Zeit immer wieder angepasst. Lernen und Intelligenz sind eng miteinander verbunden. Die Wissenschaft versucht seit vielen Jahren, die Vorgänge des Denkens und Lernens mit Hilfe von Computern zu kopieren. Dabei sollen Computer für das Übernehmen von Aufgaben so programmiert werden, dass sie der menschlichen Intelligenz ebenbürtig sind. Diese Computer-generierten Ergebnisse werden als künstliche Intelligenz definiert.

Daraus abgeleitet besteht ein wichtiger Teilbereich aus dem maschinellen Lernen. In herkömmlichen (heutigen) Software-Programmen entsteht die gesamte Software aus einzelnen (vorgegebenen) Programmierzeilen, die der menschliche Programmierer Zeile um Zeile erstellt hat. Beim maschinellen Lernen wird im Gegensatz dazu über Codes eine Zielsetzung für das Programm definiert (Framework). Das so erstellte Programm wird anschliessend über Datensets (Big Data) laufen gelassen. Die entsprechenden Resultate werden nun mit der Zielsetzung verglichen. Mittels eines Vergleichs, durch einen Menschen oder die Maschine, wird der Prozess überwacht.

Je nach Abweichung von der Basis (Zielsetzungen) rekalibrieren sich der Code und sein Entscheidungsbaum selbständig. Der Prozess kann nun beliebig oft selbstständig von Neuen durchlaufen werden. Nach unzähligen Wiederholungen wird der Code die optimale Kalibrierung zur Erreichung der Zielsetzung gefunden haben. Der «AlphaGo»-Computer ist der beste Beweis dafür: Er schlug den Go-Master Lee Sedol in mehreren Spielen, wobei sich Sedol von den unerwarteten und «kreativen» Zügen des Computers erstaunt zeigte.

Und dies ist nur der Beginn von lernfähigen Systemen. Bis jedoch vergleichbare menschenähnliche Intelligenz verfügbar ist, vergehen sicherlich noch einige Jahre.
Auf der Basis der heutigen Möglichkeiten gibt es bereits einige vielversprechende Entwicklungen und spannende Innovationen. So im Bereich der medizinischen Diagnostik, der Nutzung von Schwarmintelligenz oder der selbstlernendenden Systeme.

Künstliche Intelligenz wird eine kleine Revolution zu mehr Effizienz und Produktivität in den Unternehmen auslösen. Die künstliche Intelligenz hat damit das Potenzial, den nächsten grossen Wirtschaftsschub anzustossen.

In der Finanzindustrie könnte die künstliche Intelligenz wie folgt genutzt werden:

  • Mittels der Nutzung von Quant-Modellen, wie sie im Trading bekannt sind, werden Systeme immer grössere Datenvolumen aus verschiedenen Quellen für Modellierungszwecke integrieren und Trading-Empfehlungen aussprechen (oder Börsengeschäfte direkt abwickeln).
  • Künstliche Assistenten – wie etwa Siri von Apple, Google Assistent oder Alexa von Amazon – bzw. automatisierte Finanzberater und -planer, werden weltweite Ereignisse nahezu in Echtzeit mit den Positionen des Kundenportfolios in Verbindung bringen.
  • Auf künstlicher Intelligenz basierende Prognose-Modelle werden präzisere makroökonomische Prognosen erstellen können.
  • Analysten dürfte Konkurrenz durch mit Hilfe von künstlicher Intelligenz erstellten Unternehmensanalysen erwachsen. Diese Systeme berücksichtigen die jüngsten Fortschritte in der maschinellen Generierung von natürlicher Sprache, die es dem Computer zunehmend erlauben, Daten ebenso gut wie ein Mensch zu interpretieren und diese den Kunden leicht verständlich zu kommunizieren.
  • Im Kontext von RegTech (Technologie für aufsichtsrechtliche Zwecke) dürften verbesserte Systeme die Entdeckung betrügerischer Handlungen und das Treffen besserer Kreditrisikoentscheidungen, aber auch die Automatisierung und Optimierung von KYC-Daten (Know Your Customer = kenne deinen Kunden) unterstützen.

Daneben kann die künstliche Intelligenz auch zur Erschaffung natürlicher Benutzer-Schnittstellen zwischen System und Unternehmen oder Kunde benutzt werden.

Finanzinstitute versuchen, zu diversifizieren

Um weitere Einnahmequellen für ihr Geschäftsmodell rund um das Geld zu schaffen, diversifizieren sich die einzelnen Institute mit Zusatzleistungen, die nichts mehr mit den ursprünglichen, klassischen Leistungen der Finanzinstitute zu tun haben.

So bietet z.B. die UBS AG ihren Kunden einen Zusatzservice zur Aufbewahrung von diversen, nicht nur bankbezogenen Dokumenten an. Mittels der UBS Safe App kann man so von überall auf die Dokumente zugreifen.

So kann man u.a. Ausweiskopien, Bankdokumente, Policen, Verträge, Pass, Passwörter, uvm. – via UBS Safe und E-Banking digital hinterlegen. Der Gedanke hinter dieser Idee ist clever – die Datenspeicherung erfolgt auf durch die UBS verschlüsselten Servern in der Schweiz.
Die wichtigsten Funktionen von UBS Safe sind:

  • das digitale Abspeichern wichtiger persönlicher Dokumente
  • das Hinterlegen und jederzeit ermöglichte Abrufen von Passwörtern in einem separaten Bereich
  • die stetige Verfügbarkeit von Notfalldokumenten wie z.B. Ausweiskopien von Pass, ID oder Fahrausweis
  • das Hinterlegen und Archivieren von UBS-Bankdokumenten

Swisscom, der grösste Schweizer Telecom-Anbieter, hat ein ähnliches Produkt mit dem Namen Docsafe im Angebot. Auch bei Docsafe lassen sich die eigenen Daten und diejenigen der mitmachenden Unternehmen (Dokumentensender oder Rechnungssteller) in der geschützten Cloud hinterlegen.

Quelle: Swisscom, Sept. 2016

Versicherungen

Nicht nur die klassische Finanzindustrie, d.h. die Banken, werden von der Digitalisierung betroffen sein. Auch Versicherungen, egal welche Risiken sie versichern, sind von der digitalen Transformation betroffen. Die heute z.T. noch vorhandenen Versicherungsbroker, welche als «neutrale» Vermittler zwischen Kunden und Versicherungsgesellschaft agieren, werden dabei zwischen die «Fronten» geraten. Obwohl noch ein junges Business in Europa, befindet sich diese Form von Geschäft bereits jetzt immer stärker unter Druck. Mittels cyber-physischen Systemen, wie E-Plattformen, wird kein Partner dazwischen benötigt, der für einen Geschäftsabschluss eine entsprechende Marge (und dadurch einen Deckungsbeitrag) verlangt. Die Digitalisierung wird dazu führen, dass die Arbeit des Versicherungsbrokers durch eine Maschine ersetzt wird, die zudem alle persönlichen Kriterien eines Kunden für den Versicherungsabschluss berücksichtigen wird.

Andererseits werden Versicherungen die Möglichkeit haben, über deutlich mehr Daten (Big Data) der Kunden zu verfügen, um dadurch einen Kunden besser einschätzen zu können und verursachergerechtere Versicherungsprämien anbieten zu können. So werden Versicherungen zu anderen Geschäftsmodellen übergehen, da es Ihnen möglich sein wird, die einzelnen Risiken des entsprechenden Kunden ganz individuell und persönlich berechnen zu lassen. Oder anders ausgedrückt: Die Versicherungen werden zukünftig exakt auf den entsprechenden Kunden angepasste Policen (Versicherungsverträge) und daraus auch individualisierte Prämien ausstellen. Der Kampf um gute Risiken (Kunden mit wenig Schäden und/oder Leistungen) wird weiter zunehmen. Die Kunden andererseits werden bereit sein, entsprechende Daten aus ihrem persönlichen Leben zur Verfügung zu stellen.

Bei einer Auto-Police werden dies dann z.B. die Maximalgeschwindigkeit, das Beschleunigungsverhalten des Fahrzeuges, die Anzahl getätigter Bremsmanöver, die G-Werte (Kurven- und Beschleunigungswerte), die Anzahl gefahrener Kilometer, die Art der gefahrenen Strecke, die Anzahl Fahrer pro Fahrzeug, usw. sein. Ein Kunde, der selten und nicht aggressiv fährt, würde dadurch belohnt. Der vorsichtige Fahrer, und überhaupt die meisten Kunden (über 80%), halten sich für überdurchschnittlich bessere Fahrer als alle anderen Verkehrsteilnehmer, (was rein theoretisch ja gar nicht möglich ist), würden somit eine solche Regelung befürworten. Das Gleiche lässt sich auch im Krankenversicherungsgeschäft realisieren. Die notwendigen Daten werden von Fitnesstrackern oder Bewegungssensoren zusammengesammelt.

Der gesunde und vorsichtige «Hypochonder» würde von einer solchen Regelung profitieren. Für die Versicherungen ist ein solches Modell sehr interessant, da das Verhalten des einzelnen Kunden minuziös «getrackt» wird, von der Anzahl täglicher Schritte, der Anzahl Sporteinheiten, der Art des Sportes oder der Anzahl Kalorien pro Tag hin zum Blutdruck, dem Puls oder weiteren Leistungsdaten.

So ist davon auszugehen, dass sich in einigen Jahren 2 Gruppen von Kunden gebildet haben werden, nämlich diejenigen, die ihre Daten preisgeben und dadurch tiefe Versicherungsprämien haben, und die anderen, welche dies nicht machen und dafür hohe Prämien zu bezahlen haben. Der Versicherungskunde wird «gläsern» sein und mit einem Teil der Daten werden die Versicherungsgesellschaften zudem Geld verdienen können, indem sie Informationen weiterverkaufen. Z.B., indem sie das Wissen über die Hobbys eines Kunden an Sportartikelhändler weitergeben. Diese wiederum können dadurch den Kunden viel direkter und gezielter mit interessanten Angeboten ansprechen.

Darüber hinaus werden Versicherungsunternehmen ihr heutiges Businessmodell komplett auf die Digitalisierung umstellen – Verträge sind dann nur noch elektronisch abrufbar, Schäden können nur noch elektronisch eingereicht werden, Rechnungen werden nur noch digital zugesandt oder Abrechnungen digital dargestellt. Dies wird aber nicht ausreichen, um das bisherige Prämienvolumen zu halten. So werden die Versicherungsgesellschaften vermehrt weitere vertikale Leistungen anbieten. Dies sind alle vor- wie nachgelagerten Prozesse, welche die Versicherungsgesellschaften als Prämie abdecken. Z.B. die Mobilität: So ist es durchaus vorstellbar, dass ein Versicherungsunternehmen zusätzlich Mobilitätsangebote auf den Markt bringt, wie ein Car-Sharing oder eine Autovermietung.

Die schweizerische Mobiliar (ein genossenschaftliches Versicherungsunternehmen) bietet seit Oktober 2016 E-Bikes zur Vermietung an. In einem Pilotprojekt in der Stadt Zürich kann man intelligente E-Bikes mit dem Namen smide mieten. Mittels einer E-Plattform (cyber-physische Plattform) lässt sich das nächste frei verfügbare E-Bike ermitteln, dieses auch gleich reservieren und je nach Lust und Laune verwenden. Dabei werden CHF -.25/Minute auf dem eigenen Konto verrechnet. So kann man hinfahren, wo man will und nach dem Gebrauch das Velo einfach am entsprechenden Zielort stehen lassen. Das Pilotprojekt mit 2’000 E-Bikes ist aktuell auf die Stadt Zürich beschränkt. Der Kunde sollte sich jedoch bewusst sein, dass sein Weg minuziös getrackt wird, die Daten aber anonymisiert werden.